Wieder zum Klingen gebracht – eine Nachlese

In 2025 haben Thomas Müller und ich unter der Überschrift „Wieder zum Klingen gebracht“ die Klänge einer historischen Tonrassel als Ausgangspunkt für musikalische Erkundungen in einem Konzert und einer Klanginstallation genommen. Näher beschrieben ist das in meinem vorherigen Blogeintrag.

Aufbau für das Konzert im Juni 2025 im Archäologischen Fenster der Zitadelle Spandau

Im Kompositions- und Probenprozess für die Aufführungen haben Thomas Müller und ich die Aufnahmen der Rasselklänge auf ganz verschiedene Weisen verarbeitet. Mit aktueller Musiksoftware, aber auch mit Geräten, die ihrerseits fast schon wieder in die Geschichte eingegangen sind.

Plakat der historischen Tonrassel, im Vordergrund links der Beatstep Pro, ein zeitgenössischer Midi-Controller, rechts die Groovebox Zoom AR-48

Bevor wir uns aber an die Arbeit mit elektronischen Instrumenten gemacht haben, haben wir zunächst die spezifische Klanglichkeit getöpferter Rasseln ganz physisch erkundet – in Form von einer Reihe speziell für dieses Projekt von einer befreundeten Töpferin gefertigter Rasseln.

Zwei der zum Ausprobieren getöpferten Rasseln
Getöpferte Rasseln im klanglichen Vergleich

Dabei wurde deutlich: keine Rassel klingt genau wie die andere, die vielen verschiedenen Faktoren in der Herstellung – die Anzahl der Tonkügelchen, Form etc. – führen jeweils zu individuellen Klangnuancen.

Andererseits: dem Rahmen an expressiven Möglichkeiten mit diesen Instrumenten sind enge Grenzen gesetzt. Das hatte sich auch schon bei den Aufnahmen der Tonrassel im Neuen Museum herausgestellt. Um den Bezug zu der historischen Rassel nicht zu verwässern, haben wir die neu erstellten Tonrasseln im weiteren Prozess nicht mehr eingesetzt. Statt dessen haben wir die Aufnahmen der historischen Rassel aus dem Neuen Museum als alleinigen klanglichen Ausgangspunkt genommen. Erst später im Prozess haben wir dem noch wenige Klänge von Gitarre und Synthesizern hinzugefügt. Die eher geringe expressive Bandbreite der ursprünglichen Aufnahmen haben wir damit behutsam erweitert, der Fokus blieb aber auch im Kompositionsprozess und den zwei Aufführungen auf feinen klanglichen Nuancen.

Klangliche Re-Kombinationsprozesse

Geräte und Software legen jeweils spezifische Herangehensweisen nahe. Herangehensweisen, die sich ergeben aus technischen Möglichkeiten, künstlerischen Ideen und allgemeinen Vorstellungen. Welche Eigenschaften von Klang sind wesentlich, worauf braucht es direkten Zugriff, welche sind zu vernachlässigen, um eine Benutzeroberfläche nicht zu überfrachten?

Nach einigen Testläufen mit den Rassel-Aufnahmen haben sich eine Reihe von Methoden herauskristallisiert, die sich als besonders geeignet erwiesen haben. Das waren keineswegs nur die neuesten, effizientesten Herangehensweisen. Vielmehr haben gerade auch technische Beschränkungen von Geräten sich als künstlerisch reizvoll erwiesen. Ausgewählte Rasselaufnahmen per MD-Player abzuspielen und mit weiteren Effekten in Form von Pedalen zu loopen und zu bearbeiten brachte eine gehörige Portion Zufall in unser Spiel. Und gerade so eine unscharfe, unperfekte Form der Kontrolle erwies sich als ein stimmiger Umgang mit dem Klangmaterial und führte uns zu musikalischen Strukturen, die einladen, hörend unseren tastenden Untersuchungen der klanglichen Re-Kombinationsmöglichkeiten zu folgen.

Thomas Müller beim Aufbau mit MD-Player, Looper und Effektpedalen

Ich selber habe die Klänge der Rassel in der Musiksoftware Ableton Live bearbeitet und abgespielt, habe die App Borderlands auf einem iPad genutzt, außerdem mit dem Zoom AR-48 gearbeitet. Dieses Ufo-ähnliche, kreisrunde Musikinstrument hat eine ganze Reihe von Funktionen, unter anderem lässt es sich als Hardware-Sampler nutzen, indem ich kurze Klangschnipsel auf eine SD-Karte lade und anschließend einzelnen Druckfeldern des Gerätes zuweise.

Rechts vorne im Bild das Zoom AR-48, links ein Laptop mit Ableton Live, gesteuert mit dem Beat Step Pro Controller vorne rechts. In der Mitte ein iPad mit Borderlands und der Orbita Midi-Controller.

Im Vergleich zur Rassel ist das Zoom AR-48 zeitgenössisch, es ist in 2017 in Europa auf den Markt gekommen. Allerdings ist die Produktion in 2018 auch schon wieder eingestellt worden. Der kommerzielle Misserfolg macht das Gerät schon jetzt, wenige Jahre später, zu einem musik- und technikhistorischen Artefakt.

Für mich war gerade die Kombination verschiedener Technologien interessant, und die verschiedenen Ergebnisse, die sich aus den unterschiedlichen Interfaces und technischen Möglichkeiten ergeben haben. Im Vergleich mit Software ist das Sampling mit dem Zoom AR-48 umständlich, die Möglichkeiten sind recht eingeschränkt. Im Zusammenspiel aber ergaben sich Klang-Konstellationen, auf die ich anderweitig nicht gekommen wäre, schafften die bewusst in Kauf genommenen Einschränkungen Form und Fokus.

Ton und Bild

Bei der Aufführung im Mai 2025 haben wir einen Mitschnitt in Ton und Bild gemacht. Ausschnitte davon sind hier zu sehen und hören. Für die Klanginstallation im September 2025 haben wir diesen Tonmitschnitt als Ausgangspunkt genommen, die Aufnahmen editiert und mit Effekten bearbeitet.

Neben Tonaufnahmen sind im Rahmen des Projektes auch Bild- und Videoaufnahmen der Rassel entstanden. Vor allem zur öffentlichen Darstellung und Dokumentation hat Ulf Groote gefilmt, fotografiert und dieses Bildmaterial dann außerdem weiterverarbeitet, um ein dreidimensionales Modell der Rassel zu erstellen. Ursprünglich war angedacht gewesen, bei den Aufführungen die Klänge der Rassel mit visuellen Animationen zu kombinieren. Das haben wir verworfen, die verschiedenen Stadien der Erfassung und des digitalen Nachmodellierens sind aber visuell sehr reizvoll. Daher habe ich sie mit einem Ausschnitt der Klanginstallation zu einem Video kombiniert:

Visuelle Re-Konstruktionsprozesse

Das Videomaterial besteht komplett aus Mitschnitten von Bildschirmaktivität, zu sehen sind verschiedene Arbeitsschritte in der Erfassung und dreidimensionalen Re-Modellierung der Tonrassel. Die Rassel erscheint als Punktwolke, vereinfachte geometrische Form, skulptural, grafisch oder auch als Gitternetz. Die Ansichten sind nicht chronologisch angeordnet, sondern collagiert und überlagert – dies ist natürlich kein Tutorial sondern ein Einladung, die Bandbreite an Darstellungen ein und desselben Objektes als eine Palette visueller Auffassungen wirken zu lassen.

Perspektiven in Klang

Das gleichwertige Neben- und Nacheinander verschiedener Perspektiven findet sich auch in unserer kompositorischen Herangehensweise, im klanglichen Beziehungsnetzwerk, das wir geknüpft haben zwischen aktuellen elektronischen Instrumenten, obsoleten Instrumenten und der sehr alten Tonrassel.

Die Bedeutung und Funktion der Rassel für ihre Hersteller und Nutzer ist nicht überliefert. Wir haben nicht versucht, diese Leerstelle zu füllen, eher: die Distanz zu und das Nichtwissen über diese konkrete Vergangenheit als Ausgangspunkt zu nehmen für Klangmomente, in denen unsere Verbindung mit einer Zeitlichkeit, die weit über unsere individuellen Lebensspannen hinausreicht, spürbar wird.

Perspektiven auf die Welt und die Zeit zu teilen ist eine der faszinierenden Möglichkeiten, die Musik bietet. Ich hoffe, die Perspektiven, die wir mit diesem Projekt angerissen haben, sind eine Bereicherung und Inspiration.

Thomas Müller und ich in der Spandauer Zitadelle

Das Projekt ist gefördert aus Mitteln des Fonds Dezentrale Kulturarbeit Spandau. Vielen Dank dafür! Auch ein dickes Dankeschön an das Stadtgeschichtliche Museum in der Zitadelle Spandau, insbesondere an Museumsleiterin Urte Evert und Christina Büch. Nicht zuletzt ein Dankeschön an den Klang-Holz e. V., der uns einen schönen Rahmen für einen Probelauf des Projektes ermöglicht hat.


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