{"id":262,"date":"2025-02-28T19:31:29","date_gmt":"2025-02-28T18:31:29","guid":{"rendered":"https:\/\/www.schuerig.de\/gisbert\/?p=262"},"modified":"2025-02-28T19:31:29","modified_gmt":"2025-02-28T18:31:29","slug":"electronic-music-jam-an-der-pablo-neruda-bibliothek","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.schuerig.de\/gisbert\/2025\/02\/28\/electronic-music-jam-an-der-pablo-neruda-bibliothek\/","title":{"rendered":"Electronic Music Jam an der Pablo-Neruda-Bibliothek"},"content":{"rendered":"\n<p><em>Zuerst hier ver\u00f6ffentlicht:<\/em> <em><a href=\"https:\/\/www.lev-berlin.de\/allgemein\/electronic-music-jam-an-der-pablo-neruda-bibliothek\/5042\/\">lev-berlin.de<\/a><\/em><\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Momentaufnahmen<\/h2>\n\n\n\n<p>Eine massive Attacke viel zu vieler Kl\u00e4nge h\u00e4mmert monoton auf die Ohren ein, strengt an, nervt. Statt eines transparenten Grooves aus geschmackvoll ausgew\u00e4hlten und liebevoll platzierten Drums und Sounds bekommt man gef\u00fchlt das komplette Klangrepertoire von einem halben Dutzend Musikapps um die Ohren geschlagen.<\/p>\n\n\n\n<p>\u2026<\/p>\n\n\n\n<p>Erst allm\u00e4hlich, dann aber ganz deutlich, erw\u00e4chst aus eher zuf\u00e4lligen Klangkombinationen eine musikalische Konstellation, die alle im Raum in ihren Bann zieht. Niemand hatte genau diese Mischung von B\u00e4ssen und Akkorden gesucht, aber f\u00fcr ein paar Minuten scheinen alle \u00fcbereinzustimmen: genau diese Kl\u00e4nge sind genau jetzt exakt richtig.<\/p>\n\n\n\n<p>\u2026<\/p>\n\n\n\n<p>W\u00e4hrend die Kl\u00e4nge der Jam dezent aus den Boxen t\u00f6nen, versinken zwei Neugierige gemeinsam in den klanglichen M\u00f6glichkeiten einer Musik-App. Per Adapter und Kopfh\u00f6rer akustisch miteinander verbunden, haben sie sich aus dem Raumklang ausgeklinkt und begeben sich auf ihre eigenen Klangexplorationen. Erst als die Jam inneh\u00e4lt, weil der Besitzer der Elektron Digitakt sein mitgebrachtes Instrument erkl\u00e4rt, klinken sie sich wieder&nbsp;ein.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.lev-berlin.de\/wp-content\/uploads\/2025\/02\/IMG_7546-1024x768.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-5075\"\/><\/figure>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Musik machen als gemeinsame Aktivit\u00e4t<\/h2>\n\n\n\n<p>Von Mai bis Dezember 2024 hat der <a href=\"https:\/\/www.berlin.de\/ba-friedrichshain-kreuzberg\/\">Bezirk Friedrichshain-Kreuzberg<\/a> eine monatliche Jamsession elektronischer Musik in der <a href=\"https:\/\/www.berlin.de\/stadtbibliothek-friedrichshain-kreuzberg\/bibliotheken\/bezirkszentralbibliothek-pablo-neruda\/\">Pablo-Neruda-Bibliothek<\/a> gef\u00f6rdert: die Electronic Music Jam. Hier ein kurzer Bericht, kombiniert mit einigen grunds\u00e4tzlichen \u00dcberlegungen zum jammen Elektronischer&nbsp;Musik.<\/p>\n\n\n\n<p>Initiiert habe ich die Jam aus mehreren Gr\u00fcnden:<\/p>\n\n\n\n<p>Erstens liebe ich es, gemeinsam Musik zu improvisieren.<\/p>\n\n\n\n<p>Zweitens stellen Jam Sessions Musik machen als gemeinsames Tun in den Mittelpunkt. Es geht nicht in erster Linie um ein Klangergebnis, sondern um den gemeinsamen Prozess.<br>Musik als Aktivit\u00e4t zu denken, als <a href=\"https:\/\/uplopen.com\/chapters\/4123\/files\/542160fa-7425-44aa-8d3b-25448375ec77.pdf\">Musicking<\/a> scheint mir gerade besonders wichtig, denn Musik wird heute oft gleichgesetzt mit den digitalen Daten, mit denen sich Aufnahmen speichern und wieder abspielen lassen. Daten, wie sie von Musikstreamingdiensten wie Spotify oder Apple Music bereitgestellt werden. Oder auch digitale Daten, die von spezialisierten KI-Diensten berechnet werden, um anhand von Text-Prompts Musik zu generieren.<br>Bei der Diskussion solcher Angebote scheint gelegentlich aus dem Blick zu geraten, was das h\u00f6rbare Abspielen gestreamter oder KI-generierter Daten zu Musik macht: die menschliche Rezeption, also Aktivit\u00e4ten von Wahrnehmung, Einordnung, Interpretation.<br>Musikalische Bedeutung ist nicht objektiv vorhanden, sie existiert innerhalb menschlichen kulturellen Austauschs. Und Jammen ist eine Form des Musikmachens, die den Austausch und das Miteinander betont.<\/p>\n\n\n\n<p>Angesichts der diversen Anspr\u00fcche, die ich hier mit dem Jammen verbinde, erscheint es mir angemessen, erstmal zu kl\u00e4ren, was das eigentlich ist, eine \u201eJam\u201c.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.lev-berlin.de\/wp-content\/uploads\/2025\/02\/IMG_7551-1024x1005.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-5076\"\/><\/figure>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Eine Jam \u2013 was ist&nbsp;das?<\/h2>\n\n\n\n<p>Was eine Jam ist, dazu kursieren durchaus verschiedene Vorstellungen, hier eine kleine Auswahl:<\/p>\n\n\n\n<ul class=\"wp-block-list\">\n<li>Eine m\u00f6gliche Variante ist die <a href=\"https:\/\/www.berlin.de\/kultur-und-tickets\/tipps\/jazzhauptstadt\/sessions\/\">Jazz-Jamsession<\/a>: ein meist offener Treff von Musiker*innen, die vertraut sind mit dem Repertoire der Jazz-Standards und diese gemeinsam als Rahmen f\u00fcr abwechselnde Solo-Improvisationen nutzen.<\/li>\n\n\n\n<li>Im HipHop kann eine Jam die offene Kombination von Beats, improvisierten Raps und Breakdance bezeichnen.<\/li>\n<\/ul>\n\n\n\n<ul class=\"wp-block-list\">\n<li>Eine Jam kann aber auch eine Passage im Konzert einer Band meinen, die sich ausgedehnter gemeinsamer Improvisation widmet.<\/li>\n\n\n\n<li>Eine Jam im Pop kann daraus bestehen, pr\u00e4gnante Passagen aus mehreren Musikst\u00fccken miteinander anzuspielen oder singen<\/li>\n\n\n\n<li>\u2026<\/li>\n<\/ul>\n\n\n\n<p>Gemeinsam ist diesen Formen eine Dialektik aus Regeln und Freiraum.<br>Die Einigung auf bestimmte musikalische Formen, z. B. Akkordfolgen, Rhythmen oder Atmosph\u00e4ren schafft eine Basis f\u00fcr spontane musikalische \u00c4u\u00dferungen.<\/p>\n\n\n\n<p>Von freier Improvisation unterscheidet sich eine Jam dadurch, dass der gemeinsame Rahmen das Repertoire m\u00f6glicher improvisatorischer \u00c4u\u00dferungen eingrenzt. Der Schwerpunkt liegt nicht auf maximaler individueller Expressivit\u00e4t, sondern auf der gemeinsamen Konstruktion musikalischer Bedeutung.<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Jammen und Elektronische Musik<\/h2>\n\n\n\n<p>Einige Genres Elektronischer Musik haben eine strukturelle N\u00e4he zum jammen. Eine DJ, die mit produzierter Musik eine Tanznacht gestaltet, arbeitet auch in einem Spannungsfeld von Regeln und improvisatorischem Freiraum.<br>Krautrock-Musiker wie Tangerine Dream sind bei ihren Konzerten sowohl untereinander, als auch mit ihren Sequencern und Synthesizern in einen improvisatorischen Dialog getreten. Neben den k\u00fcnstlerischen Zielen haben auch die Eigenheiten und Begrenzungen der Musik-Maschinen den Fluss der Musik gepr\u00e4gt.<\/p>\n\n\n\n<p>Genrebezeichnungen wie <a href=\"https:\/\/www.youtube.com\/results?search_query=jamtronica\">Jamtronica<\/a> bezeichnen Musiken, die Mittel Elektronischer Musik und Ans\u00e4tze des Jammens miteinander verbinden.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Dynamik automatisch ablaufender Sequencer, die sich im Prozess des Spielens fortw\u00e4hrend weiter umgestalten lassen bietet ein technisches Gegen\u00fcber. Mit den in die Oberfl\u00e4chen und Klangerzeugung eingeschriebenen kulturellen Entscheidungen und Regeln kann ich als einzelner in einen Dialog treten. In einen Dialog mit der Musik- und Technikgeschichte, aus der diese Ger\u00e4te entstanden sind. Ich kann erkunden, welche M\u00f6glichkeiten sich mir er\u00f6ffnen, aber auch versuchen, diese M\u00f6glichkeiten zu erweitern, gegen den Strich zu b\u00fcrsten. Ich kann jammen.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Electronic Music Jam zielt auf beides: Jammen als ein Erkunden und Ausreizen Elektronischer Musikinsrumente, und Jammen als ein gemeinsames Schaffen musikalischer Atmosph\u00e4ren und Dynamiken, spontan und im direkten Austausch.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.lev-berlin.de\/wp-content\/uploads\/2025\/02\/IMG_7548-878x1024.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-5077\"\/><\/figure>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Rhythmische Synchronisation<\/h2>\n\n\n\n<p>Wodurch ergibt sich das Miteinander, wenn man zusammen Musik macht? Was braucht es, damit es nicht wie ein Neben- oder \u00dcbereinander von Kl\u00e4ngen wirkt, sondern sich der Eindruck einer gemeinsamen Klanggestaltung einstellt? Wie stellt man musikalische Zusammenh\u00e4nge zwischen den Kl\u00e4ngen&nbsp;her?<\/p>\n\n\n\n<p>Darauf gibt es viele Antworten, eine lautet: durch rhythmische Synchronisation. Kl\u00e4nge, die in nachvollziehbahren zeitlichen Zusammenh\u00e4ngen stehen, werden in unserer Wahrnehmung zu Klangmustern, werden zu Beats und Grooves, die aus dem Zusammenspiel erwachsen.<\/p>\n\n\n\n<p>Diese Herangehensweise haben wir vorrangig bei der Electronic Music Jam praktiziert.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>W\u00e4hrend bei einer Jam mit handgespielten Instrumenten ein Groove nur aufkommt, wenn alle Mitspielenden sich physisch auf rhythmische Konstellationen einschwingen, stehen bei Elektronischer Musik technische Hilfsmittel zur Verf\u00fcgung:<\/p>\n\n\n\n<p>Mehrere Sequencer lassen sich rhythmisch aufeinander synchronisieren. Die Kl\u00e4nge, die mit diesen Sequencern abgespielt werden stehen so quasi automatisch in Beziehung zueinander.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.lev-berlin.de\/wp-content\/uploads\/2025\/02\/IMG_7552-2-1024x768.jpeg\" alt=\"\" class=\"wp-image-5078\"\/><\/figure>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Fehlstart<\/h2>\n\n\n\n<p>Eine bequeme M\u00f6glichkeit, digitale elektronische Musikinstrumente zu synchronisieren ist <a href=\"https:\/\/www.ableton.com\/de\/link\/\">Ableton Link<\/a>. Im Gegensatz zur Synchronisation per analoger Clock oder Midi-Clock ben\u00f6tigt Link keine Verkabelung sondern funktioniert \u00fcber ein gemeinsames Netzwerk.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.lev-berlin.de\/wp-content\/uploads\/2025\/02\/IMG_0908-1024x768.png\" alt=\"\" class=\"wp-image-5052\"\/><\/figure>\n\n\n\n<p>Beim ersten Termin der Electronic Music Jam haben wir zu diesem Zweck das WLan der Pablo-Neruda-Bibliothek genutzt und waren mit einer stotternden und immer wieder aussetzenden Synchronisation konfrontiert. Ideal f\u00fcr das Erzeugen stressiger Stolperbeats oder unbezogene rhythmische \u00dcberlagerungen, gemeinsamer Groove: Fehlanzeige.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.lev-berlin.de\/wp-content\/uploads\/2025\/02\/IMG_0179-1024x768.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-5057\"\/><\/figure>\n\n\n\n<p>Als L\u00f6sung erwies sich bei der zweiten Jam ein mobiles, nur f\u00fcr die Jam genutztes Netzwerk. Nun liefen die diversen Sequencer verschiedener Musikapps tats\u00e4chlich synchron, stellte sich wie selbstverst\u00e4ndlich ein Eindruck gemeinsamen Groovens ein. Dank geb\u00fchrt meinem Kollegen Piotr Niedzwiecki f\u00fcr die Hilfe beim Konfigurieren des Routers.<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Ein guter Rahmen<\/h2>\n\n\n\n<p>Auf der Basis dieses Netzwerks hat die Jam dann regelm\u00e4\u00dfig am dritten Mittwoch des Monats den Musikraum der Pablo-Neruda-Bibliothek in Schwingungen versetzt. Der Musikraum erwies sich als ein guter Rahmen: verkabelte Lautsprecher stehen dort bereit, bei einigen Jams wurden auch E-Piano und E-Gitarre, die dort zur Ausstattung geh\u00f6ren, gespielt.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.lev-berlin.de\/wp-content\/uploads\/2025\/02\/IMG_6761-1024x768.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-5053\"\/><\/figure>\n\n\n\n<p>Vor allem aber wurde, wie sich das angesichts des Namens geh\u00f6rt, mit Musik-Apps und Synthesizern Musik gemacht. Besonderer Dank an dieser Stelle an Hanno Koloska von der Bezirkszentralbibliothek Pablo Neruda, ohne dessen engagierte Unterst\u00fctzung die Raumnutzung und letztlich die Jam in dieser Form nicht m\u00f6glich gewesen&nbsp;w\u00e4re.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.lev-berlin.de\/wp-content\/uploads\/2025\/02\/IMG_8856-2-1024x768.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-5054\"\/><\/figure>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Musikpraxis vs Musikp\u00e4dagogik<\/h2>\n\n\n\n<p>Der Pablo-Neruda-Bibliothek habe ich auch zu verdanken, dass dieser Blogeintrag hier nur einen Zwischenstand von der Electronic Music Jam berichtet, denn: die Bibliothek hat zu meiner gro\u00dfen Freude die Finanzierung f\u00fcr die Jam bis Dezember 2025 gesichert.<\/p>\n\n\n\n<p>Hier einige Impressionen von&nbsp;2024:<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-embed is-type-video is-provider-youtube wp-block-embed-youtube wp-embed-aspect-16-9 wp-has-aspect-ratio\"><div class=\"wp-block-embed__wrapper\">\n<iframe loading=\"lazy\" title=\"Electronic Music Jam @ Friedrichshain-Kreuzberg 2024\" width=\"500\" height=\"281\" src=\"https:\/\/www.youtube.com\/embed\/RH8EoYfI88k?feature=oembed\" frameborder=\"0\" allow=\"accelerometer; autoplay; clipboard-write; encrypted-media; gyroscope; picture-in-picture; web-share\" referrerpolicy=\"strict-origin-when-cross-origin\" allowfullscreen><\/iframe>\n<\/div><\/figure>\n\n\n\n<p>Die Momentaufnahmen am Anfang dieses Textes haben es angedeutet: die Jam war sehr facettenreich. In immer wieder neuen Konstellationen wurde gemeinsam musiziert, wurden nebeneinander her Musik-Apps erkundet oder richtete sich die Aufmerksamkeit der Gruppe auf die M\u00f6glichkeiten einer speziellen Drum Machine.<\/p>\n\n\n\n<p>Als eine Herausforderung erwies sich f\u00fcr mich ein gewisser Doppelcharakter des Formates. Eine Jam ist Musikpraxis, der musikp\u00e4dagogisches Potential innewohnt. In der Konzeption hatte ich mir vorgestellt, dass die Jam Neueinsteiger*innen die Chance geben soll, sich in die Praxis des Elektronischen Jammens allm\u00e4hlich einzuklinken. Erstmal erfahreneren Jammern zuzuh\u00f6ren, auf die Finger zu schauen und sich \u00fcber Imitation und Probieren allm\u00e4hlich zu beteiligen.<\/p>\n\n\n\n<p>Damit das funktionieren kann, braucht es eine Mischung aus erfahreneren und neuen Beteiligten. In der Praxis kamen allerdings bei der Mehrzahl der Jams so \u00fcberwiegend Anf\u00e4nger*innen, dass sich kein musikalisches Lernfeld ergab, in das diese sich h\u00e4tten einklinken k\u00f6nnen. Das habe ich dann aktiv kompensiert, indem ich Grundlagen demonstriert habe, um einen ersten Einstieg zu erm\u00f6glichen. Das hat f\u00fcr viele Teilnehmenden gut funktioniert, hat aber f\u00fcr das Format auch Probleme mit sich gebracht.<\/p>\n\n\n\n<p>Der Schwerpunkt der Jam hat sich so vom Treff zum aktiven Musikmachen hin zur musikp\u00e4dagogischen Einsteigerversammlung verschoben. Nat\u00fcrlich ist die Kombination von beidem im Format angelegt, wenn aber die Einsteigerbed\u00fcrfnisse zu sehr \u00fcberhand nehmen, senkt es die Attraktivit\u00e4t der Jam als Musikveranstaltung und erschwert so die Etablierung einer musikalischen Jamkultur \u00fcber mehrere Termine.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Wurzeln f\u00fcr diese Problematik liegen aus meiner Sicht in einer mangelnden musikp\u00e4dagogischen Grundversorgung: Elektronische Musik wird nicht gen\u00fcgend gepflegt, sei es im Musikunterricht an Schulen, durch Angebote an Musikschulen oder andere Anbieter (Mehr dazu <a href=\"https:\/\/www.lev-berlin.de\/allgemein\/zukunftsmusik-elektronische-musik-und-ihre-vermittlung\/4838\/\">hier<\/a>). Interessierten steht heute zwar ein riesiges Angebot an g\u00fcnstigen Instrumenten und Software zu Verf\u00fcgung, auch gibt es eine F\u00fclle frei zug\u00e4nglicher <a href=\"https:\/\/www.youtube.com\/playlist?list=PLEMYO2zdSfSK4tJgh_GX7xwW7yM8oH00Q\">Tutorials<\/a> und <a href=\"https:\/\/learningsynths.ableton.com\/de\">Lehrmaterialien<\/a> und <a href=\"https:\/\/tahti.studio\/\">Instrumente<\/a> zum Thema im Netz. Online-Praktiken Elektronischer Musik scheinen mir aber h\u00e4ufig auf einige wenige spezifische Weisen kanalisiert:<\/p>\n\n\n\n<ul class=\"wp-block-list\">\n<li>auf den Umgang mit Musik als Konsum \u2013 Streamingdienste sind hierf\u00fcr optimiert<\/li>\n\n\n\n<li>auf die Professionalisierung je Einzelner zu Musikproduzierenden, die obige Dienste bespielen \u2013 also Tutorials f\u00fcr den besten\u00a0Mix<\/li>\n\n\n\n<li>auf die Diskussion technischer Umsetzungen, Neuerungen oder Geschichte spezifischer Instrumente und Kl\u00e4nge \u2013 z. B. das wieder erwachte Interesse an analogen Synthesizern oder der M\u00f6glichkeiten, mit K\u00fcnstlicher Intelligenz Musik zu machen<\/li>\n<\/ul>\n\n\n\n<p>All diese Blickwinkel sind relevant und sollten gepfegt werden, kritisch sehe ich, dass Musik als eine kollektive \u00e4sthetische Praxis mir unterrepr\u00e4sentiert scheint. Die Jam war von vornherein als eine Antwort auf auf diese Situation gedacht und die aufgetretenen Probleme unterstreichen gerade die Wichtigkeit solcher Formate.<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Mensch &amp; Maschine<\/h2>\n\n\n\n<p>Musik zu jammen bedeutet, spontan zu reagieren und zwar in Beziehung zu all den gemeinsam produzierten Kl\u00e4ngen und Rhythmen. Zu viel Vorhersehbarkeit im Zusammenspiel birgt dabei die Gefahr der Monotonie \u2013 es wird langweilig. Zu viel Unberechenbarkeit wiederrum droht, den gemeinsamen Rahmen zu sprengen, musikalisches Miteinander kann auch zu einem Neben- oder gar Gegeneinander werden. Jammen ist eine Kunst, die es in de Gruppe zu pflegen gilt und auch mit elektronischen Instrumenten kein Selbstl\u00e4ufer.<\/p>\n\n\n\n<p>Vielmehr stellen gerade die erweiterten M\u00f6glichkeiten, die elektronische Instrumente Einzelnen erm\u00f6glichen beim Jammen eine Herausforderung dar. Wenn es mit einer Drum Machine beispielsweise m\u00fchelos m\u00f6glich ist, hochenergetische, v\u00f6llig \u00fcberbordende Drumpatterns, die eine Schlagzeugerin schon nach kurzer Zeit komplett ersch\u00f6pfen w\u00fcrden, automatisch quasi endlos ablaufen zu lassen, dann kann das im Rahmen einer Jam recht schnell zu einem \u00fcbers\u00e4ttigten, mehr nervigen als treibendem akustischem Durcheinander f\u00fchren.<\/p>\n\n\n\n<p>Einen Klassiker ersten Ausprobierens mit Sequencern von Musik-Apps nenne ich die \u201eBacksteinwand\u201c:<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.lev-berlin.de\/wp-content\/uploads\/2025\/02\/IMG_82897623A626-1-1024x768.jpeg\" alt=\"\" class=\"wp-image-5067\"\/><\/figure>\n\n\n\n<p>S\u00e4mtliche Instrumente einer Drum Machine spielen zu allen m\u00f6glichen Zeiten. Beim Austesten der musikalischer M\u00f6glichkeiten in Extreme zu gehen ist sinnvoll und poetisch, man k\u00f6nnte von einer Art Initiationsritus sprechen, der nunmal durchschritten werden muss. Im Kontext einer Jam aber ist die \u201eBacksteinwand\u201c nur in wenigen besonderen Situationen ein sinnvoller Beitrag.<\/p>\n\n\n\n<p>Das Beispiel zeigt eine Besonderheit des Jammens mit elektronischen Instrumenten auf: Bei Jams mit handgespielten Instrumenten bedarf es einer motorischen Beherrschung dieser Instrumente, um ein dynamisches, interessantes Zusammenspiel zu erm\u00f6glichen. Die Automatismen von Sequencern und Drum Machines fordern insbesondere F\u00e4higkeiten der Zur\u00fcckhaltung und gezielten Auswahl heraus. Schlie\u00dflich ist es \u00fcberhaupt kein Problem und auch g\u00e4ngig, komplette Arrangements mit Drums, B\u00e4ssen &amp; weiteren Synthesizern solo und aus dem Stehgreif zu improvisieren. F\u00fcr das Erreichen musikalischer F\u00fclle sind die Mitspielenden nicht n\u00f6tig, daher Bedarf gelingendes Jammen mit elektronischen Mitteln eines entschiedenen Interesses und einer bewussten Hinwendung zum gemeinsamen Gestalten.<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Werkzeugkasten<\/h2>\n\n\n\n<p>Sehr gute Erfahrungen habe ich damit gemacht, die Kl\u00e4nge mit Hilfe des <a href=\"https:\/\/www.sygyt.com\/de\/\">Overtone Analyzer<\/a> in Echtzeit zu visualisieren und so die Kombination und Wechselwirkung der vielen einzelnen Kl\u00e4nge zu verdeutlichen. Die visuelle Verschmelzung von Drums, B\u00e4ssen und Synthesizern zu einem Gesamtbild hat das Bewusstsein f\u00fcr das klangliche Miteinander deutlich gesch\u00e4rft.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.lev-berlin.de\/wp-content\/uploads\/2025\/02\/Bildschirmfoto-2025-02-14-um-17.23.12-1024x603.png\" alt=\"\" class=\"wp-image-5070\"\/><\/figure>\n\n\n\n<p>Weitere Werkzeuge und Rahmen, die sich als sinnvoll erwiesen&nbsp;haben:<\/p>\n\n\n\n<ul class=\"wp-block-list\">\n<li>wenn viele Teilnehmende zun\u00e4chst eine orientierende Einf\u00fchrung ben\u00f6tigt haben, haben wir klar unterschiedene Info-Bl\u00f6cke mit Jam-Passagen kombiniert<\/li>\n\n\n\n<li>eine atmosph\u00e4rische Licht-Situation hat die Jams auch akustisch feinsinniger gemacht<\/li>\n\n\n\n<li>eine grunds\u00e4tzliche Offenheit, Teilnehmer ihre Beteiligung selber navigieren zu lassen, sich also an der Jam zu beteiligen oder aber allein oder zu zweit mit Kopfh\u00f6rer ein Instrument zu erkunden; diese Praxis hat eine angenehme, informelle Atmosph\u00e4re sehr gef\u00f6rdert<\/li>\n\n\n\n<li>die Spezialisierung Einzelner auf je ein Instrument hat einer klanglichen \u00dcberladung entgegengewirkt<\/li>\n\n\n\n<li>alle Beitr\u00e4ge habe ich an einem zentralen Mischpult situativ zusammengemischt, gelegentlich mit Effekten versehen und damit die Entwicklung einer interessanten gemeinsamen Dramaturgie unterst\u00fctzt<\/li>\n\n\n\n<li>thematische Vorgaben z. B. sich zun\u00e4chst in einer Ambient-Jam nur auf Zusammenkl\u00e4nge zu konzentrieren und dann nur sparsam rhythmische Elemente hinzu zu f\u00fcgen haben zu wunderbar poetischen Passagen gef\u00fchrt<\/li>\n\n\n\n<li>nicht zuletzt hat sich auch die Aufteilung in Kleingruppen, die in Folge einander vorspielen als sinnvoll erwiesen<\/li>\n<\/ul>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Ausblick &amp;&nbsp;Danke<\/h2>\n\n\n\n<p>Die <a href=\"https:\/\/www.berlin.de\/stadtbibliothek-friedrichshain-kreuzberg\/bibliotheken\/bezirkszentralbibliothek-pablo-neruda\/veranstaltungen-projekte\/artikel.1433015.php\">Electronic Music Jam in 2025<\/a> ist zun\u00e4chst mal einfach eine Fortf\u00fchrung das Formats um ein weiteres Jahr. Diese Kontinuit\u00e4t bietet eine Chance, die ich sehr sch\u00e4tze: wie schon gesagt ist Jammen Form musikalischer Improvisation, die nicht maximale individuelle Expression sondern die gemeinsame Konstruktion musikalischer Bedeutung in den Mittelpunkt stellt. Es ist eine spielerische, improvisatorische Form der <a href=\"https:\/\/communitymusicnetzwerk.de\/\">Community Music<\/a>, die zu kultivieren sich lohnt: sie bietet erf\u00fcllende Erfahrungen musikalischen Miteinanders. Durch Regelm\u00e4\u00dfigkeit ergeben sich viele M\u00f6glichkeiten der Entwicklung und Verfeinerung delikaten Zusammenspiels \u2013 Ich freue mich sehr auf die Musikerinnen und Musiker, komplette Neueinsteiger oder erfahrene Kn\u00f6pfchendreher, die in diesen Prozess mit einsteigen.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.lev-berlin.de\/wp-content\/uploads\/2025\/02\/IMG_7206-768x1024.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-5080\"\/><\/figure>\n\n\n\n<p>F\u00fcr die Electronic Music Jam 2024 hier nochmal mein herzlicher Dank an Bezirk und Bezirkszentralbibliothek Friedrichshain-Kreuzberg, an Hanno Koloska und all die inspirierenden Musikerinnen und Musiker, die die Jam bislang m\u00f6glich gemacht und belebt haben!<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Zuerst hier ver\u00f6ffentlicht: lev-berlin.de Momentaufnahmen Eine massive Attacke viel zu vieler Kl\u00e4nge h\u00e4mmert monoton auf die Ohren ein, strengt an, nervt. Statt eines transparenten Grooves aus geschmackvoll ausgew\u00e4hlten und liebevoll platzierten Drums und Sounds bekommt man gef\u00fchlt das komplette Klangrepertoire von einem halben Dutzend Musikapps um die Ohren geschlagen. \u2026 Erst allm\u00e4hlich, dann aber ganz [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":264,"comment_status":"closed","ping_status":"","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1],"tags":[10,11,12,13,14,5],"class_list":["post-262","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-allgemein","tag-bibliothek","tag-improvisation","tag-musikapps","tag-musikimprovisation","tag-musikpaedagogik","tag-synthesizer"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.schuerig.de\/gisbert\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/262","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.schuerig.de\/gisbert\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.schuerig.de\/gisbert\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.schuerig.de\/gisbert\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.schuerig.de\/gisbert\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=262"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/www.schuerig.de\/gisbert\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/262\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":265,"href":"https:\/\/www.schuerig.de\/gisbert\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/262\/revisions\/265"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.schuerig.de\/gisbert\/wp-json\/wp\/v2\/media\/264"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.schuerig.de\/gisbert\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=262"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.schuerig.de\/gisbert\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=262"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.schuerig.de\/gisbert\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=262"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}